Archive for März 5th, 2008

Unsere kleine Farm

Mittwoch, März 5th, 2008

Nach der Übergangsfamilie in der Vorstadt von Temuco ging es am Montagmorgen zur Schule ca. 15 km außerhalb Temucos nahe einem verschlafenen, relativ typisch ärmlichen Nest namens Labranza. Die Schule selbst ist wirklich im Nichts. 15 Minuten Schotterstraße trennen sie von Labranza oder einer weiteren Einfahrt etwas näher bei Temuco. Ich wohne bei einer Mapuchefamilie 5 Minuten von der Schule (hier misst man alles in Zeit mit Auto oder Zeit zu Fuß, meine Angaben sind Autozeiten) ebenfalls mitten im Nichts! Aber es ist ein schönes Nichts, nicht so wie in der Unendlichen Geschichte, ganz im Gegenteil, unser Nichts ist dagegen eher reich bestückt mit einem Holzhaus, einer gefliesten Terrasse, zwei Hunden, vielen Hühnern und Küken, dazu einer Kuh mit Kalb und einem großen Weizenfeld vorm Haus. Sehr idyllisch und ruhig also das Ganze. Ich finde es ziemlich cool. Was ich vermisse ist ein Internetanschluss und warmes Wasser. Wir können uns aber sehr glücklich schätzen, denn wir haben Wasser, im Gegensatz zur Schule, die nur wenig weiter schon seit 1997 auf einen Anschluss wartet, aber der nette Herr vom Bildungsministerium hat uns am Montag versichert, dass wir im April sicher Wasser haben werden. Bis dahin sollen wir uns mit Regenwasser begnügen, klar kein Problem, weil es hier im Hochsommer ja so oft regnet! Dem Spaßvogel ist das sehr wohl bewusst, immerhin wohnt er auch in Temuco und hat seit November erst einmal Regen gesehen, aber die Ausrede zieht seit gut 10 Jahren warum also nicht auch dieses Jahr. Ihr merkt, hier geht es etwas anders zu als im Rest Chiles, das liegt schicht und einfach daran, dass ich jetzt da bin wo viele Mapuche (die indigene Bevölkerung) wohnen. Sie wohnen hier sehr gerne und würden dies auch ungestört tun, wenn die chilenische Staat in den 1960er Jahren nicht den bis dato anerkannten und souveränen (!!!) Mapuchestaat annektiert hätte. Die Mapuche waren nämlich der einzige Stamm der nie besiegt wurde und einen eigenen Staat gründete als es modern war sich von seinen Kolonialherren loszusagen. Von da an wurde ihnen ihr Land Schritt für Schritt enteignet und an deutsche Einwanderer geschenkt, die sich mit guter Infrastruktur und einer funktionierenden Feuerwehr bedankten und dies bis heute machen. Deutsche sind hier also sehr gerne gesehen wie ihr euch sicher vorstellen könnt. Aber die Mapuche sind nicht so schlicht wie manch ein Deutscher, der hier noch immer den berühmten 1.000 Jahren zwischen 1933 und 45 nachtrauert, sie haben dazugelernt. Die Mapuche wollen heute nur in Frieden leben und ihre Kultur pflegen so gut es eben noch geht, was an sich ja kein Verbrechen ist. Nur erkennt die chilenische Verfassung keine Minderheiten an, laut ihr gibt es auf Staatsgebiet nur Chilenen, was an sich zwar nicht nett, aber noch kein Verbrechen ist. Allerdings gibt es da eine unschöne Konstellation mit einem internationalen Vertrag den Chile mit anderen Ländern unter der Führung der USA, nach dem 11.9. unterzeichnet hat, dieser macht solch anti-nationalen Bestrebungen wie die der Mapuche leider terrorverdächtig. So schafft man sich über Nacht eine Terrorgefahr wo vorher nur armes Bauernvolk war. Und so ist es nun ein Verbrechen einfach so in Ruhe vom chilenischen Staat leben zu wollen.
Davon merkt man aber hier recht wenig. Alle sind hier bedacht ihre Kultur nicht zu verlieren und zu vergessen, das ist nichts gewaltvolles. Es tut mir echt nicht Leid falls ich euch jetzt eure Indianderklischees verderbe: Hier rennt niemand im Lendenschurz oder Federn im Haar herum (Ausnahme: Mapuchekinder, die Indianer spielen – ja Ironie, gell?). Die Menschen leben in Häusern haben Fernsehen und fließend Wasser sowie Autos, Mikrowellen und Handys. Ab und zu gibt es feierliche Anlässe, dann zieht man seine Tracht aus dem hintersten Eck des Schranks hervor, fährt oder reitet zum Veranstaltungsort und tanzt dort Tänze die man nie irgendwo sonst aufführen würde (Ausnahme: Touristen). Wen das jetzt in irgendeiner Form an das bayerische Brauchtum erinnert, so ist das durchaus gewollt! Es ist hier kaum anders!!! Hart aber wahr. Die Kinder lachen die Alten in ihren Trachten aus, können selber nur noch die Hochsprache (hier Spanisch) und scheren sich einen Dreck um althergebrachte Traditionen, da der PC oder die Playstation wesentlich interessanter ist. Da wird es doch plötzlich etwas anschaulicher, dieses ferne und fremde Chile (Bier gibt es hier übrigens auch in Litern, nur so zur Desillusionierung!!!). Sind wir nicht alle ein bisschen Bayern/Mapuche…
Ich werde demnächst mal Bilder von unserer kleinen Farm hochladen, noch habe ich keine, weil die Mapuche es überhaupt nicht mögen fotografiert zu werden, meine Gastfamilie ist macht da keine Ausnahme. Ich bin aber sehr zufrieden hier, auch weil ich hier meine bescheidenen Kenntnisse aus meiner Zivizeit wieder gebrauchen kann! Wer hätte das gedacht, da ist man rund 13.000km vom Kinderhaus Peißenberg (ja das gibt es noch!) entfernt und in meiner Familie haben sie ein schwerstbehindertes Kind, mit ähnlichen Merkmalen wie das zu meiner Zivizeit! Da hat die Rosita noch mit einem schockierten Deutschen gerechnet, der hat sich aber nicht schocken lassen und hat gleich mal die Spastik vom Nicolas richtig erkannt und angemessen darauf reagiert. Da ist auch der schelmisch lachende Alfonso begeistert vom Winka (so nennt man Nicht-Mapuche in Mapudungun). Ich sag’s euch, es fühlt sich toll an auch mal Klischees andersherum abzubauen!!! Vielen Dank für dieses tolle Gefühl an meine ehemaligen Kolleginnen im Kinderhaus von dieser Stelle!!!