Archive for März 14th, 2008

Puerto Saavedra

Freitag, März 14th, 2008

Zurück in Labranza, ging es am Samstag nach Puerto Saavedra, einem kleinen Nest an der Küste, wo Julio, ein Lehrer an der Schule, Verwandschaft hat. Grund der Reise war eine Versammlung der dortigen Mapuche. Es soll Land gekauft werden von der Regierung, für die Mapuche – das ist gut. Die Leute dort leben deutlich ärmer als in Labranza, empfangen uns aber mit leckerer Hühnersuppe. Hühnersuppe heißt hier zurecht so, weil im Teller neben der Suppe auch ein ganzes Huhn einfach so drin liegt.

Die Versammlung verläuft nicht ganz so glatt. die Familien müssen entscheiden welches Land gekauft werden soll, gut ist keines der beiden Möglichkeiten. Auch rabiatere Methoden kommen auf. Von Weizen des Großgrundbesitzers anzünden oder nächtlich abschneiden bis Bäume der Holzfirma beschädigen steht auf der Palette. Eine sehr ungute Stimmung. Julio beruhigt die Versammlung, er weiß, dass es nicht gut ist gewaltsam zu reagieren. Es sagt mir nachher im Auto er war ein halbes Jahr im Gefängnis, weil er Feuer gelegt hat. Leicht schockiert entschließe ich mich mehr von seinen Geschichten zu hören. Wir gehen Abends in eine Bar, ein Bierchen trinken, wo ich viel erfahre, nicht alles schön, aber wichtig um die Mapuche zu verstehen. Ich werde es aber hier nicht schreiben, wäre nicht gut.

Am Sonntag war ausschlafen angesagt, bevor es dann mit der Schule am Montag losgeht!

Tanz auf dem Vulkan

Freitag, März 14th, 2008

Wie in Deutschland auch gibt es in Chile ein Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden. Draußen darf man rauchen, und es wird auch viel geraucht, nicht nur von Chilenen und Mapuche. Einer steht immer im Freien und raucht. Er ist groß und rund und schwarz, mit einem weißen Halsband aus Gletscher: der Vulkan Villarrica.

Nach der Vorstellung bei den Machi hatte ich frei bis Montag, dem Schulbeginn diese Woche. Ich habe mich also am Donnerstag Früh kurzentschlossen in einen Bus nach Pucón gesetzt, zwei Stunden südlich im Seengebiet. Feine Sache so ein Touriort, es gibt nämlich warmes Wasser! 🙂 Also habe ich in der Jugendherberge erstmal ausgiebig geduscht, was aber umsonst war weil ich kurz darauf den letzten noch freien Platz beim Rafting in Anspruch genommen hab.

Das eigentlich geile kam aber erst am Freitag: Um 3 Uhr morgens ging es im Dunkel der Nacht mit dem Bus auf 1.400 m zur Talstation des Vulkan Villarica. Danach 5 Stunden zu Fuß noch einmal 1.400 m bergauf in den Sonnenaufgang und zum Krater! Gigantisch, die ersten Stunden in totaler Finsternis, nur sie Milchstraße über einem in der sternklaren Nacht. Zum Frühstück dann der Sonnenaufgang über den Anden östlich von unserer 20-Mann-Gruppe. Danach mit schwerer Ausrüstung über den Gletscher, der sich um den Krater gelegt hat. Immer schwärzer wird der Schnee, immer grössere Lavabrocken liegen im Eis. Die dünne Luft macht sich langsam bemerkbar, aber langsam und zielstrebig ziehen wir weiter zu einer Lavageröllwand auf Eis. Dort geht es nur mit dem Eispickel weiter. Der gefährlichste Teil des Aufstiegs, aber es passiert nichts, normal ist ein Absturz pro Gruppe meint der Führer. Dann endlich: Der Kraterrand! Auf 2.800 m bleibt mir die Luft weg. Das hat nichts mit der Höhe zu tun, dicke Schwefelwolken steigen aus dem Krater auf und ziehen direkt an uns vorbei. Echt beängstigend wenn man mal ein paar Mal die Lungen damit vollgemacht hat. Das Näschen Schwefel, dass man im Chemieunterricht bekommt ist lächerlich! Das T-Shirt vor der Nase wird der Krater erkundet. Geile Aussicht auf die erstarrten Lavaflüße im Tal, das Vorland und die Anden. Die 45 Minuten vergehen wie im Flug. Dann geht es leider schon wieder nach unten, den Gletscher rutschen wir auf dem Hosenboden runter, danach ist es nur noch eine gemütliche Wanderung durch Lavastaub, vorbei an einer zerstörten Bergstation aus den 1970ern und erstarrter Lava. Wahnsinn die Tour!!! Völlig erschöpft fahre ich zurück nach Temuco, die zwei Stunden Im Bus schlafe ich natürlich den Schlaf der Gerechten und träume von der kargen schwarzen Landschaft, den spärlichen Bewuchs, dem Schweiß, der mir vom Rücken in rauen Mengen bis in die Schuhe läuft und dem Ausblick, … dem unglaublich schönen Ausblick in der Stille vor dem Tor zum Erdinneren …

Update: der Vulkan Llaima, der ca. 50 km neben Temuco die Sicht nach Argentinien versperrt ist vorgestern ausgebrochen! Das ist der Vulkan auf den ich vor einiger Zeit nicht durfte, wegen Ausbruchgefahr. (die Polizei sucht schon! 😀 hahaha)

Schau, schau, Schamanen!

Freitag, März 14th, 2008

Letzten Mittwoch war ich mit den anderen neuen Kollegen bei zwei Schamanen, oder Machi (das „ch“ immer wie „tsch“) wie man hier sagt. Das ist nötig, weil die Machi, meist Frauen aber auch Männer, die höchste Respektsperson des Stammes sind und deshalb müssen sie sich uns natürlich erst einmal anschauen bevor wir die Ehre haben Mapuchekinder unterrichten zu dürfen. Wir fahren also bis weit hinter Chol Chol um dort in der Hütte/Haus der Machi (Mann und Frau, die auch zusammen wohnen, was ungewöhnlich ist) zusammen zu essen.

Um das Haus laufen Schweine, Hühner, Truthähne sowie Hunde und Katzen, so riecht es dann auch. Alles hier ist sehr traditionell, besonders die Türen, mit ca. 1,70 m hohem Durchgang. Im Haus ist es dunkel. Bilder von Pferden, alte schwere Holzmöbel, stammesübliche Instrumente und Schmuckstücken, die auf den ersten Blick wie Traumfänger aussehen, zieren die Wände. Die Machi steht hinter einem großen aber niedrigen gusseisernen Ofen und kocht, während der Machi andächtig am Tisch sitzt und Tee trinkt als wir leise und respektvoll eintreten. Wir werden überschwänglich begrüsst mit „Mari Mari“ begrüsst, dem Gruß in Mapudungun. Der Machi ist echt sehenswert: Ein kleiner runder Mann mit einem Kopf so Rund wie sein Bauch und kurzen Fingern an einer riesigen Hand. Sehr eindrucksvoll, ohne dass er etwas macht verbreitet er Respekt und Ehrfurcht wie die Luft die den Raum ausfüllt. Seine Frau, die Machi, ist ebenso klein und rund wie er. Ihr Gesicht ist sehr typisch indigen: rund, mit hohen Wangenknochen und runden dicken Pausbacken, die aufgrund ihres alters nicht mehr ganz so füllig sind wie in ihrer Jugend, was ihren Gesicht mit den Tränensäcken eines Horst Tappert die Züge ähnlich einer Bulldogge verleit, aber freundlich. Das folgende Gespräch beim Essen geht über die Kultur der Mapuche und Religon im Allgemeinen. Der Machi war während der Diktatur gläubiger Katholik und findet auch heute noch viel Gutes am Papst, weil er bei seinem Chilebesuch gesagt hat die Mapuche sollen ruhig ihre Kultur bewahren, weil sie kostbar sei und Gott nichts gegen sie habe, er hat ja auch die Mapuche gemacht. Das verschafft Respekt. Der Papst ist in Chile eh gern gesehen, zumindest Johannes Paul II., weil er den Krieg zwischen Chile und Argentinien über Feuerland durch Verhandlungen abgewandt hat. Daran müssen sich die Protestanten hier messen lassen und schneiden dementsprechend schlecht ab in der allgemeinen Ansicht. Auch der Machi findet harte Worte, danach höre ich nicht mehr zu, ich bin müde vom vielen Zuhören und schaue mir lieber den Machi an. Seine Finger haben sicherlich einen Durchmesser von 3 oder mehr cm. Wahnsinn auch die beiden Ringe an seinen Ringfingern: schlichtes massives Silber mit einem großen Stern in der Mitte. Auf dem Kopf bindet ein Stirnband die langen grauen Haare nach hinten. Ein pfannenkuchengroßes Stück Fleisch verschwindet hinter seinen Händen, als es wieder auf dem Teller erscheint fehlt ein riesiges Stück, dass er mit seinen wenigen Zähnen herausgerissen hat. Ich glaube sein Mutter nannte ihn „Stiernacken“, ich hätte es jedenfalls getan, auch wenn das kein katholischer Heiliger ist. Wenn er lacht zucke ich fast, so laut drückt er die Luft aus seinem massiven Brustkorb den kurzen wurstigen Hals heraus. Auch die Machi hat ein Kreuz bei dem ein jeder Profischwimmer erblasst, auch die männlichen. Und so schaue ich und mache mir Gedanken, ein Vergleich dümmer als der andere, trinke Tee und schon fahren wir auch wieder. Nachdem der Machi nichts gegen mich hat, warum auch, er hat mich nichts gefragt, weil er dachte ich spreche kein Spanisch. Auf der Heimfahrt freue ich mich, dass ich nicht der einzige bin der das Genuschel von Don Roberto nicht immer versteht.

Fotos gibt es natürlich keine, weil die Machi das strikt ablehnen! Das wird sich auch die zwei Monate nicht ändern und auch für alle weiteren Feier etc. gelten! Schade, aber das muss man akzeptieren.