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Mapuchefeier in der Schule

Sonntag, April 20th, 2008

Vor einiger Zeit (ich hatte nur keine Zeit und Lust es zu beschreiben! 🙂 ) hatten wir eine traditionelle Feier in der Schule, so wie das was ich unter „Fleischfest“ nicht beschrieben habe!

Leider ist es um die traditionelle Kleidung des Völkchens nicht gut bestellt. Zum Einen weil die Tracht (auch selbstgemacht), wie auch in Deutschland, teurer ist als ein jedes T-Shirt. Zum Anderen, weil man in den vielen Jahren des Widerstands gegen die Kolonisten schlicht und einfach vergessen hat was man vor deren Ankunft so am Leibe trug. Das kann schon mal passieren in Kulturen, die nicht schreiben oder malen. So ist die Tracht de MĂ€nner bis auf den Poncho völlig verloren, wenn man vom Stirnband absieht. Der Strohhut ist zwar heute traditionell, aber ursprĂŒnglich Siedlertracht. Gut dass man die Frauen hier immer brav im Haus gehalten hat, denn so hat sich wenigstens ihre Tracht annĂ€hernd komplett erhalten. Ein schwarzes Kleid mit weißem oder buntem Schurz oder Rock, dazu ein Umhang in schwarz oder bunt damit man nicht friert und auf dem Kopf ein Kopftuch. Das Kopftuch ist NICHT mit Federn geschmĂŒckt (wenn ihr Federn wollt, geht Karl May lesen oder in die USA, dort haben sie sowas) sondern mit bunten Stoffstreifen wenn man was zu sagen hat oder gar nicht wenn man einfach nur Mapuche und/oder arm ist, wobei kleine Äste und BlĂ€tter gerne gesehen sind. Um die Tracht abzurunden bekommen die Frauen auch noch Silberschmuck umgehĂ€ngt der leichte Ähnlichkeit mit einem Kettenhemd hat. Da das ganze wie gesagt kostet und man hier lieber seine Kinder ernĂ€hrt als Trachten zu kaufen, macht man die Trachten billiger, also aus Billigstoff und Neonfarben, was oftmals grauenhaft aussieht aber besser ist als nichts. Wer sich die Bilder in der Galerie ansieht wird erkennen, dass kaum einer der anwesenden SchĂŒler Tracht trĂ€gt. Die, die sich in Schale geworfen haben verdanken dies der Schule! Wird wohl deswegen weniger Wasser gekauft schĂ€tze ich mal.

Zu Beginn wird ein Altar aus heimischen Ästen errichtet. Ein einfaches Loch in das die Äste gesteckt werden und dann eingegraben werden. Davor stellt der Machi einen Tisch auf dem die Gaben Platz haben: Maisbrei, Getreide und Chicha, angegorener Apfelsaft. GegenĂŒber des Altars in etwa 15 m Entfernung wird ein Feuer gemacht und die Trommeln angewĂ€rmt. Sporandisch aber immer regelmĂ€ĂŸiger werdend ertönt eine Trompete aus Horn, soll wohl die Spannung steigern. Als Alle sitzen beginnt die Zeremonie. MĂ€nner sitzen in einer Linie gegenĂŒber den Frauen in den 15 m zwischen Altar und Feuer. Das Feuer im RĂŒcken mit Blick auf den Altar beginnen die Machi rhythmisch zu trommeln und singen dazu ein Lied in Mapudungun. Da der sich Text scheinbar stĂ€ndig wiederholt entsteht der Eindruck eines konstanten „Wahwahwahs“, was es aber nicht ist!!! Der Text ist teils ĂŒberliefert, teils improvisiert. Die Machi spielen sich und die Anwesenden in einen meditativen Rausch, oder so sollte es sein wenn das Publikum nicht gerade aus Kindern besteht, denen das zu lange dauert weil sie es nicht verstehen. Danach erhebt sich die ganze Gruppe, stellt sich in Reihen nach MĂ€nnern und Frauen auf und tippelt in kleinen Schritten zum Takt auf den Altar zu und wieder weg, das ganze sooft der Machi will aber immer zuerst von Osten her und dann von SĂŒden, Westen und Norden. Wir belassen es bei Osten und machen gleich weiter mit der Umrundung des Altars. Das wird gemacht um den ewigen Kreislauf des Lebens und der Welt zu wĂŒrdigen. Danach wird der Maisbrei gereicht, man nimmt eine Handvoll, isst die HĂ€lfte und wirft die andere HĂ€lfte zu Boden. Das ist keineswegs eine Unkultiviertheit , sondern ein Zeichen der Dankbarkeit gegenĂŒber der Naturweil man ihr ja etwas ab-/zurĂŒckgibt. Auch zu trinken soll Mutter Erde haben und darum spuckt man auch etwas Apfelsaft auf den Boden. Klar, das solche Zeremonien in der westlichen Welt als saustallartig gelten, daher wohl auch der Ruf der Mapuche schmutzig zu sein, tja und von einem Wein saufenden Trunkenbold von Priester. Ihr versteht die Vorurteile vielleicht jetzt etwas besser. 😉

Danach tanzt man um den Altar, wenn man Trachten hat. Man tanzt in ruckartigen Schritten mit zum Boden gesenkten Kopf und macht FlĂŒgelschlĂ€ge mit seinem Umhang, was vogelĂ€hnlich aussieht und auch sein soll. Dazu der immerwĂ€hrende Takt der Trommeln mit Glocken und Trompeten. Höchst meditativ, man muss wohl dabei gewesen sein! 🙂

Wasser

Freitag, April 11th, 2008

Wir haben immer noch kein Wasser in der Schule, aber siehe da, ein großer blauer Wasserturm wurde neben der Schule errichtet! Der soll nicht nur die Schule sondern auch die angrenzenden Nachbarn mit dem kostbaren Lebenselixier versorgen. Bis er allerdings funktioniert, haben wir Wasser in weißen BehĂ€ltern rumstehen. Das ist öfters mal aus oder muss gechlort werden, weil es schmutzig ist. „Wozu braucht man denn zum Unterrichten Wasser?“ ist eine berechtigte Frage. Ich brauch‘ fĂŒr meinen Englisch und Mathematikunterricht kein Wasser, aber die Köchinnen zum Kochen und zum AbspĂŒlen danach, die Kinder zum Trinken nach dem vielen Spielen und Laufen in der Pause oder zum RunterspĂŒlen eines kleinen oder auch grösseren GeschĂ€fts (dafĂŒr brauchen wir Lehrer das Wasser auch, wenn auch nicht so hĂ€ufig). So kommen bei 100 Kindern und einer handvoll Lehrer, Hausmeister und Köche plus Kindergarten mit Personal fast 150 Leute zusammen und alle brauchen sie Wasser, nicht zum Unterricht, sondern zum Leben! Und wenn man von 9-17 Uhr an der Schule ist lebt man hier sehr viel. Leider sieht das unser toller Chef nicht so ganz ein und deshalb kauft er nur einmal wöchentlich Wasser, das reicht natĂŒrlich bei weitem nicht, weshalb wir nach dem Mittagessen heimgehen. Wir waren einmal LĂ€nger da als kein Wasser fĂŒr das Klo da war und ich sag nur eins: Heimgehen ist BESSER!!! Dem Unterricht und dem Lernfortschritt der Kinder hilft das wiederum natĂŒrlich nicht, aber es geht einfach nicht! Wer glaubt es ginge auch ohne oder mit wenig Wasser, das eine Woche rumsteht, der soll die Krankenhausrechnung der drei Kinder bezahlen die vom schmutzigen BehĂ€lterwasser schon krank geworden sind. Alles nicht so einfach ohne Wasser und ich merke wie abhĂ€ngig wir doch sind von so etwas simplen wie Wasser! Aber alle reden nur von der Wall Street, aber es wird eine Zeit kommen, da auch dort das Wasser gehandelt wird und spĂ€testens dann wissen es alle.

Man muss aber auch sagen, dass mit dem vorhandenen Wasser nicht gerade zimperlich umgegangen wird. Alfonso wĂ€scht sein Auto auch im Fluss nebenan, aus dem sich unsere Nachbarn ihr Wasser zum … Ă€hh … Leben holen. Also nicht immer nur die bösen Unternehmen! Muss auch mal gesagt werden, dass es am Umweltbewusstsein der ansonsten so grĂŒnen Ureinwohner etwas mangelt.

Ein normaler Tag hier…

Freitag, April 11th, 2008

…beginnt um 8:00 Uhr, wenn ich nicht gerade von einem Telefonanruf aus Deutschland schon um 4:00 Uhr geweckt werde. Ich wasche/dusche mich mit kaltem Wasser und frĂŒhstĂŒcke ein wenig. Weißbrotsemmeln gibt es immer, dazu Butter oder Marmelade (beides zusammen gilt als gierig) manchmal auch Wurst, in der man von Fleisch bis Haut alles in sehr groben Fetzen findet was das Schwein hergibt – mir schmeckt sie kaum, aber die Hausgemachte Chilisoße macht’s ertrĂ€glich. Hin und wieder kaufe ich Nutella. Getrunken wird Tee oder Kaffee und wer mich kennt weiß wie ich warme oder gar heiße GetrĂ€nke hasse, was anderen ein so wohliges GefĂŒhl im Bauch verschafft, verschĂ€rft meine allmorgendliche schlechte Laune nur noch mehr. Aber was soll’s, es gibt schlimmeres!

Danach geht es mit dem Auto die 3 km auf Schotter zur Schule. Hat ein Kind mal verschlafen nehmen wir es mit, weil der Bus nicht wartet und wir eh immer etwas zu spĂ€t dran sind, da passt das perfekt. Um 9:00 Uhr geht dann die Schule los, das heißt, dass der Unterricht etwa 15 Minuten spĂ€ter beginnt, weil die Kinder gern spielen und die Lehrer gern ratschen (oder zu spĂ€t kommen! 🙂 ), da es keinen Schulgong gibt (nur eine traditionelle Trompete, die nie einer blĂ€st) fĂ€llt das aber keinem auf und stört so auch nicht weiter. Ich beschwere mich sicherlich nicht! Wenn es dann mal los geht helfe ich in Englisch und Mathematik, sowie bisweilen in Naturaleza, was so Ă€hnlich ist wie Erdkunde. Mangelnde Sprachkenntnisse in Spanisch verhindern aber ein klares und schlĂŒssiges ErklĂ€ren meinerseits. Wer glaubt bei uns im Klassenzimmer die kleinste Spur von Disziplin zu finden, irrt gewaltig! FĂŒr gewöhnlich schwelt eine gepflegte Unterhaltung der SchĂŒler, die nur gelegentlich vom Diktat oder Pausen unterbrochen wird. Wird das DauergesprĂ€ch nicht  durch den Lehrer unterbrochen, dann durch die SchĂŒler selbst: Aufstehen und sich lautstark Sachen von Anderen holen, kleinere Raufereien und Schwitzkastennahmen oder fĂŒr alle hörbare Musik vom Handy sind die nur die Top 3 der Rangliste alltĂ€glicher Störungen. Man muss aber nicht immer stören um nichts vom Unterricht mitzubekommen, auf die Tische der ins Heft gemalt und getrĂ€umt wird auch viel, wenn nicht gerade gekichert wird. Seit letzter Woche haben wir in der Schule auch SchulbĂŒcher! Nur knapp einen Monat nach offiziellem Schulbeginn hat uns das Ministerium die BĂŒcher geschickt, da das nicht, wie von mir erwartet, fĂŒr Aufregung gesorgt hat, denke ich mal das ist normal so. Ich gehe auch davon aus, dass wir mit dem Buch eh nicht fertig werden, immerhin arbeiten wir schon gut 2 Wochen mit der 8. Klasse an positiven und negativen Zahlen und schon ganze drei SchĂŒler können sich nun unter dem Zahlenstrahl etwas vorstellen. Vorgestern kam dann zum Addieren und Substrahieren auch noch das Multiplizieren und Dividieren negativer Zahlen hinzu, was einem Neubeginn beim ErklĂ€ren negativer Zahlen gleichkommt. In Mathe lĂ€uft es also nicht so bei den Kindern und in Englisch geht es gar nicht 🙁 . Einfache Wörter bleiben hĂ€ngen bis zum Mittagessen, deren Aussprache nur bis kurz nach der ersten oder zweiten Wiederholung. SĂ€tze sind außer in der 8. noch immer undenkbar, trotz reichlicher Übung. An Hirnkastl wie Pfannen mit Antihaftbeschichtung mag jetzt der ein oder andere von euch denken, aber ganz so schlimm ist es dann doch nicht: Diese Woche hat nĂ€mlich Einer ganze drei SĂ€tze geschafft! Die Schwierigkeit mag aber sicher sein, dass die Kinder im Allgemeinen nichts vom UnterrichtsgesprĂ€ch halten. Weder in Englisch noch in Spanisch schafft man es ihnen Antworten zu entlocken. Ich nicht, und die Lehrer hier auch nicht. SchĂŒchtern und verunsichert geben sie sich in allem was nicht PrivatgesprĂ€ch ist. Sogar wenn man sie nach ihrem Namen fragt antworten sie nur kleinlaut und meist mit abgewandtem Blick. Und da sage noch Einer sie wĂ€ren nicht lernfĂ€hig! Aus all den Jahren der kulturellen UnterdrĂŒckung und Ausgrenzung haben sie gelernt dass sie dumm und unwichtig sind und dazu noch die Scham vor dem eigenen Namen, gut gemacht Staat! Aber wir arbeiten hart an ihrem SelbstwertgefĂŒhl, was hier meiner Meinung nach als grĂ¶ĂŸtes Problem im Hintergrund der schlechten Leistungen steht. Und langsam bessert sich das auch umso mehr das Schuljahr voranschreitet. Die Mapuche brauchen eben sehr sehr lange um aufzutauen, was wohl das Stereotyp vom schweigsamen nachdenklichen und misstrauischen Indianer so populĂ€r gemacht hat.

Mittags gibt es Essen von der Schule aus. Was mir wie Mensaspeisen in der Uni vorkommt, ist hier Essensvielfalt pur fĂŒr die Kinder. Da die meisten zu Hause Selbstversorger sind, weil sie sich die Preise im Supermarkt nur selten leisten können oder wollen, gibt es auf dem Teller was im Garten wĂ€chst oder grast. Zum Beispiel: wĂŒrde ich hier wohnen wĂ€re auf meinem Speiseplan selbstgemachtes Weißbrot ohne Salz, Honig von Alfonsos Bienen, Kartoffeln, GelberĂŒben, Salat und HĂŒhnchen sowie deren Eier; ein oder zweimal im Jahr gĂ€be es Rindfleisch (Feste nicht eingerechnet!). So sind die einfachen Fleisch- und Reisgerichte gesunde und nötige Abwechslung fĂŒr die Kinder. Aber es schmeckt ihnen trotzdem selten. Was der Bauer nicht kennt…

Nach dem Essen von 12:00-14:00 Uhr geht dann der Unterricht fĂŒr alle 100 SchĂŒler weiter, fĂŒr 25 von ihnen heißt das aber auch Individualstunden bei den Förderlehrerinnen um an ihren Defiziten zu arbeiten. Um 16:30 Uhr kommt dann der Schulbus und bringt sie alle nach Hause. Wir Lehrer gehen kurz darauf und wenn noch Zeit ist FĂŒr mich, dann fahre ich noch nach Temuco. Ansonsten gibt’s Abendessen zuhause: Weißbrot mit Honig, Ei, HĂŒhnchen und Chili, was sonst?

Chiloé

Freitag, April 4th, 2008

Weiter im SĂŒden liegt kurz vor der KĂŒste eine ziemlich große Insel. Mit rund 180 km LĂ€nge und gut 50 km Breite ist sie die zweitgrĂ¶ĂŸte nach Feuerland. Dort habe ich Ostern verbracht, im Haus des Chefs der Organisation, die die Schule betreibt. Ein zweischneidiges Schwert, da damit sichergestellt wurde, dass ich von chilenischen Ostertraditionen nur im Fernsehen etwas sehe, aber billig nach ChiloĂ© reisen und dort 4 Tage leben konnte. Mich hat das schon gewurmt, weil ich Ostern und die hier ablaufenden UmzĂŒge echt gern gesehen hĂ€tte, aber einem eingefleischten Egomanen zu erklĂ€ren man möchte sein Angebot ausschlagen, zumal ich ja noch nicht auf ChiloĂ© war, ist sehr schwer.
Die Insel selbst ist wunderschön, voll mit verschlafenen Fischerorten wie Quemchi, Ancud oder Castro, der Hauptstadt der Insel. Überall geht es sehr gemĂ€chlich zu. Bei Ebbe repariert oder streicht man die Boote, wenn man gerade nicht Netze flickt. Bei Flut geht es raus auf das Meer. FĂŒr die meisten heißt das allerdings nicht viel, denn die Lachsindustrie liegt nur wenige hundert Meter vor der wettergeschĂŒtzten OstkĂŒste. FĂ€hrt man vom Landesinneren der Insel Richtung KĂŒste, sieht man die Lachsanlagen im Meer schon von weitem von den kleinen HĂŒgeln aus, ĂŒber die sich die Strassen mĂŒhen. In Quemchi kaufen wir auf der Strasse Fisch von einem Fischer der gerade angelegt hat. Frischer geht es nur vom Großfrachter, der den Fisch gleich an Bord einfriert. Er scheint sehr glĂŒcklich zu sein ĂŒber den Handel. Zum Einen muss er nun 3 Fische weniger schleppen, zum Anderen war der Preis wohl besser als am Markt und außerdem glaube ich, muss er seiner Frau davon nichts abgeben. 😉 Über Schotterstrassen geht es weiter einen Jungen abholen, der zum Austausch an unsere Schule soll. Nichts SpektakulĂ€res. Vieles, was Ă€ußerlich nach Armut aussieht, ist es nicht. Auf ChiloĂ© herrscht VollbeschĂ€ftigung, ja eigentlich Arbeitermangel. Grund dafĂŒr ist der Lachs. Chile, eigentlich ChiloĂ©, ist zweitgrĂ¶ĂŸter Lachsfabrikant nach Norwegen! In 2 Jahren will man Norwegen ĂŒberholt haben. Wer die gewaltigen Neubausiedlungen vor Castro gesehen hat glaubt das sofort!!! 100.000 Menschen haben sich dort in den letzten rund 10 Jahren ein HĂ€uschen im Fertigbaustil gekauft. Eine Siedlung die seinen US-Amerikanischen Vorbildern in rein gar nichts nachsteht! Alle und noch viel mehr arbeiten nur mit Lachs. Schön, da freut sich Vater Staat, aber irgendwer schaut doch sicher in die Röhre oder? Richtig! Die Leute in Temuco, 600km weiter nördlich, wo ich Praktikum mache. Junger Lachs braucht nĂ€mlich frisches, Ă€ußerst sauberes Wasser. Das kriegt er vor ChiloĂ© natĂŒrlich nicht, wohl aber in den FlĂŒssen und BĂ€chen im Norden, bei uns. Schade nur dass durch die Lachsindustrie GewĂ€sser, wie auch hier gravierend belastet sind und das den kompletten Flusslauf, bis ins Meer. Die Leidtragenden sind natĂŒrlich die, die weiter unten im Flusslauf an das Wasser ranmĂŒssen, und schon sind wir wieder in Labranza! Von den hunderten LKWs, die die Fische durchs Land karren (nach ChiloĂ© zum MĂ€sten und zurĂŒck bis Santiago und ValparaĂ­so und natĂŒrlich eurem bescheidener Beitrag bis zum Supermarkt und wieder zurĂŒck in die KĂŒche zuhause) will ich mal gar nicht reden. Es gibt hier genug Wasser, nur nutzen kann man es nicht – das ist das Problem hier!
Landschaftlich werden hier jedem Deutschen die Augen feucht. Wie daheim! GrĂŒn wohin man schaut, ein Klima fast wie im Garten daheim und KĂŒhe, KĂŒhe, KĂŒhe, dass auch dem AllgĂ€uer das Herz aufgeht. ChiloĂ© kann nĂ€mlich nicht nur Lachs sondern auch KĂ€se. Der KĂ€se ist allerdings sehr mild und kaum der Rede wert, weil er dem Gourmet schlicht zu gewöhnlich ist. Recht so, so reicht er nĂ€mlich fĂŒr alle Chilenen ohne teuer zu werden (wegen der Nachfrage) und das ist doch auch was! ChiloĂ© hat allerdings zwei Gesichter: Bei Regen und bei Sonne. WĂ€hrend es bei Sonnenschein an Oberbayern und AllgĂ€u erinnert, verwandelt sich ChiloĂ© bei Regen in ein dĂŒsteres Eiland, das fast schon unheimlich wirkt, vor allem dann, wenn die dichten Regenstreifen die an sich lebhaft grĂŒnen BĂ€ume in graue Spinnenbeine verwandelt, die scheinbar ĂŒberall aus dem Boden ragen. Die HĂŒgel wirken unĂŒberwindbar und endlos, denn kaum ist einer ĂŒberwunden taucht aus dem dunklen Schleier schon der nĂ€chste auf. Und was man gestern noch als schöne ruhige Abgeschiedenheit empfand, wird zu trostloser Einsamkeit und Gottverlassenheit. So mag es gekommen sein, dass sich auf der Insel eine eigene und Ă€ußerst vielfĂ€ltige Mythologie entwickelt hat, die durch die Abgeschiedenheit vom Festland (rĂ€umlich und politisch, da ChiloĂ© bis Mitte des 20. JH selbststĂ€ndig war) auch noch gut erhalten ist. Fabelwesen, Hexen und Monster, alles haben die Geschichten der Insel zu bieten und dazu natĂŒrlich wie immer eine Menge Seemannsgarn. Deshalb kommen einem EuropĂ€er die Geschichten wahrscheinlich auch alle etwas bekannt vor. 🙂
Ich war also 4 ganze Tage dort und habe die Leute und Orte gesehen, war am Strand (leider nicht im Wasser, weil ich erkĂ€ltet war) und habe Unmengen von MeeresfrĂŒchten gegessen. Unglaublich was sich da alles in den kalten Wassern des Humboldtstroms herumtreibt! Das meiste frisch vom Fisherman oder seinem Friend, aber natĂŒrlich auch selber herausgezogenes! Muscheln und Schnecken braucht man dort bei Ebbe nur von den Steinen aufsammeln. Schmecken sogar. Der Nachbar hat eines Abends Krabben gekocht und uns auch eine abgegeben. Auch eine feine Sache! Am meisten beeindruckt war ich aber von den Kolibris, die auf ChiloĂ© frei in der Luft herumstehen. Schon beeindruckend, wie schnell sie fliegen und stehen bleiben können.

Fotos gibt es wie immer rechts unter “Links”! (Manche haben sie noch nicht gefunden! 😉 )

Fleischfest

Freitag, MĂ€rz 28th, 2008

Was das Bier fĂŒr den Deutschen ist, ist das Fleisch fĂŒr die Mapuche: Es darf zu keiner Festlichkeit fehlen und wenn es zu sich genommen wird, dann in rauen Mengen. Alfonso, Rosita, Nikolas und ich waren vor Ostern auf einem Mapuche-Fest. Diese finden zur Zeit ĂŒberall in den Gemeinen statt, und hat Erntedankcharakter. Weil jetzt die Zeit der FĂŒlle ist und der Winter bevorsteht. Man feiert also die fetten Monate des Sommers und speckt sich selbst somit an, sowie den Haushalt ab, denn wie in jedem Sommer hat man jetzt ein bis zwei Tierchen zuviel im Stall, oder besser gesagt Garten, stehen. Da man sie nicht durch den Winter bringen kann, der ein oder andere hat sicher beide HĂ€nde voll zu tun sich und seine Familie durch den Winter zu kriegen, kommen sie jetzt auf den Grill damit sich alle ein Scheibchen abschneiden können.

Der Ablauf eines solchen Festes ist immer gleich: Am ersten Tag (Freitag) feiert die einheimische Gemeine allein. AuswĂ€rtige (Mapuche oder Winka spielt in diesem Fall keine Rolle) dĂŒrfen sich einen schönen Abend wo anders machen, denn beim Fest haben sie definitiv nichts verloren. FĂŒr die die es nicht glauben wollen und trotzdem vorbeischauen stehen Reiter mit KnĂŒppeln bereit und zeigen einem gerne den Weg nach Hause. Stell sich das mal einer auf dem Oktoberfest vor! Naja, in Deutschland darf halt jeder seinen Arsch dabei haben, ob das Fest deswegen schöner ist weiß ich nicht. Ich habe mir sagen lassen es werde getanzt und gegessen, genauer geht mich das nicht an, ich soll in 4 Jahren kommen, wenn unsere Gemeinde mit Feiern dran ist, bis dahin soll ich die Tradition respektieren und mich in Vorfreude ĂŒben. So sind sie halt, aber ist nur halb so schlimm, am zweiten Tag (Samstag) darf nĂ€mlich jeder zuschauen. Wir aus der Nachbargemeinde auch! Hin geht es mit dem Auto, mit dem wir die vielen Pferde und OchsengespĂ€nne ĂŒberholen, die auch zum Fest fahren. Vor Ort weisen uns Reiter mit (heute) Ruten den Weg zum Parkplatz und hinter dem Stacheldraht nehmen wir dann Platz. Das ist in etwa 200 m Abstand zum Geschehen. Der Vormittag gehört noch immer der Gemeinde. Gegessen und getrunken wird allerdings nicht, eine Art Fastenzeit 🙂 . In einem Halbkreis stehen provisorische HolzhĂŒtten auf dem Feld eines Bauern, diese bieten den feiernden Familien als Sonnen- und Windschutz. Die Öffnung des Halbkreises zeigt nach Osten, dem Norden der Mapuche, dort steht auch ein Altar um den sie herumfeiern, samt Tiere, teils auf dem Feld, teils ĂŒber dem Feuer. Nur Hunde werden vertrieben, da diese Schmarotzer sind. Alles in Allem ein Bild irgendwo zwischen Kaltenberger Ritterspielen und Stall zu Bethlehem. Die Reiter in Ponchos und den typisch chilenischen HĂŒten (niedrig aber breit) reiten um die Feierlichkeiten und passen auf. Die Zeremonie habe ich zwar dann noch gesehen, werde sie aber erst beschreiben wenn ich die ganze in der Schule gesehen habe und die ErklĂ€rungen gehört habe, ich will ja kein Halbwissen verbreiten wenn es sich vermeiden lĂ€sst! 😉

Um 16 Uhr geht es dann endlich zur Sache. Die TĂ€nze und Riten sind vorbei, die Mapuche mĂŒde und das Fleisch fertig. Lange haben sie es ĂŒber dem Feuer vor ihren HĂŒtten gedreht. Jetzt wird gegessen was im Winter keinen Platz mehr findet: Schweine, KĂŒhe, Ochsen, GeflĂŒgel, Pferde. Zuerst essen sich die Familien satt, dann geben sie ihren Freunden und danach den Zuschauern, uns hinter dem Zaun. Das kann dann schon nochmal etwas dauern, aber es lohnt sich!!! Wir bekommen einen großen Teller voll mit Fleisch gereicht. Der eine bringt Schwein, der andere Pferd. Ich weiß nicht mehr wie viel und was genau ich alles gegessen habe, aber Pferd war es sicher, weil es wertvoller ist als der Rest, hat sich Alfonso genau gemerkt von wem er es bekommen hat und hat mir zuerst gegeben. Er merkt es sich, weil man hier nichts bezahlt, man merkt sich wer einem gegeben hat und gibt ihm wenn man selbst feiert. das System funktioniert leider nur unter Mapuche, da bei Festen der Winkas meist bezahlt wird, was unsereins einen asozialen Beigeschmack verleiht. Die Mapuche leben nĂ€mlich seit jeher in kommunismusĂ€hnlichen GemeinbesitzverhĂ€ltnissen, der hier gut zu funktionieren scheint. Ärger gab es deshalb jedenfalls selten unter den StĂ€mmen. Wir schlagen uns also den Ranzen voll, mit purem Fleisch. Wenn du Beilagen willst bringst du sie dir selber mit, den hier wird „echtes“ Essen gegessen! So sagen sie hier. Arme Vegetarier also, aber die gibt es hier eh nicht, kein Grund also zur RĂŒcksichtnahme. Zum Sonnenuntergang ist dann alles gegessen, was uns gegeben wurde. Die Gemeine feiert weiter und hört auf wann sie will, ob das nun Sonntag oder Montag ist. So genau nehmen sie das hier nicht so! Das verleiht ihnen dann aber seitens der Chilenen den Ruf faul zu sein, weil sie feiern und nicht arbeiten gehen. Stimmt auch, man muss aber sehen, dass der Großteil der hier feiernden nicht in der Stadt arbeitet sondern auf dem heimischen Hof, wo es deren Angelegenheit ist ob sie arbeiten oder nicht. Selbstverantwortung nennt das dann der Deutsche und hĂ€lt sich raus. Wobei man bemerken sollte, dass die Mapuche, aber die Chilenen genauso, etwas langsamer (bei Feiern und Arbeit) zu Werke gehen als der DurchschnittsmitteleuropĂ€er, aber ihre Arbeit machen sie aber. Faulheit ist aber die Arbeit nicht zu machen, also sieht es nur so aus als wĂ€ren sie faul, in Wirklichkeit sind sie langsam, was der Bayer an sich oft als GemĂŒtlichkeit und somit als Tugend empfindet. Also nochmals Vorsicht bei den Vorurteilen! 🙂

ErkÀltet habe ich mich auch bei dem Fest, weil Abends dann ein kalter Wind ging, ist aber schon wieder gut!

Schulalltag

Sonntag, MĂ€rz 16th, 2008

Nachdem der Schulanfang vom offiziellen Beginn (nun schon) vorletzte Woche auf letzte Woche wegen Wassermangels verschoben wurde, rollten die Schulbusse nun an und es fand eine BegrĂŒĂŸung der SchĂŒler durch den Schulleiter, die Direktorin und alle Lehrer statt. Wie sich das eben so gehört. Mir hatte niemand was gesagt, drum stand ich etwas nervös vor den 105 Kindern die mich mit großen braunen Augen ansahen und mehr oder weniger stramm in Reihe standen. Man kann die websigen ErstklĂ€ssler ja verstehen, sind ja auch zum ersten mal weg von Mama, ruhig stehen ist da nicht drin. Die teure Schuluniform ist auch meist etwas zu groß, sofern man sie sich ĂŒberhaupt leisten konnte. Ich rede also mal auf Spanisch drauf los, sage was ich sagen kann, einfallen wĂŒrde mir mehr! Danach spricht auch noch der Hausmeister ein Machtwort ĂŒber den Umgang mit dem GemĂ€uer und den Pflanzen, alle schauen aufmerksam, ob sie zuhören weiß ich nicht, denn das eine blinde und somit weißliche Auge von Don Jorge ist auch fĂŒr mich eine enorme Ablenkung. Schule ist danach dann nur bedingt, weil es der Schule neben Wasser auch an einer Englischlehrerin mangelt, diese gibt auch andere FĂ€cher, also kann ich den Ausfall nur bedingt kompensieren. So werden Formalien besprochen, der Schulbeginn fĂŒr die vergangene Woche von 9:00 auf 10:00 Uhr angesetzt und den SchĂŒlern frei gegeben. Feine Sache!

Die nĂ€chsten Tage sind nicht viel anders, es wird spĂ€t begonnen und nur Unterricht „light“ gemacht. FĂŒr mich heißt das milde Vokabelarbeit in der 5. und 6., die von Englisch keinen Plan haben. Wir lernen also die Farben und malen etwas was diese Farbe hat, das ist fĂŒr manche so schwer, dass wir die Nummern natĂŒrlich nicht mehr schaffen. Uno wird dann wohl morgen gespielt. Denkste, die Farben, geschweige denn deren Englische Namen sind natĂŒrlich nicht hĂ€ngen geblieben. Uno wird demnach die ganze Woche nicht gespielt. Mit ihnen gar auf Englisch zu Kommunizieren ist ein weit entfernter Wunschtraum, der sehr, sehr viel Optimismus bedarf. Diesen kann ich aber beim besten Willen nach dem Sondieren des Wissensstands der 7. und 8. nicht mehr aufbringen. Gut, dass die 7. und 8. ein Projekt machen muss und ich nur die 5. und 6. habe, die ja bekanntlich wegen Raummangels kombiniert (werden sie auch bleiben), das macht die Sache leichter, das Englischunvermögen ist eh gleich. Um 14:00 Uhr (statt 17 Uhr) ist Schluss, wegen Wassermangels. Wir haben zwar Wasser in Eimern, aber der Stundenplan steht ja auch noch nicht, drum macht es wenig sinn Unterricht zu halten sagt die Direktorin den Lehrern, den SchĂŒlern und Eltern sagt sie das nicht. So vergeht eine Woche Schule und nicht viel ist passiert, außer dass das Schulessen nicht besser ist als das Mensaessen und ich seither einen milden Durchfall habe. Gut dass es Wasser in Eimern gibt!

Das Wasser scheint aber zu kommen! Arbeiter buddeln ca. einen, manchmal auch zwei Meter im Garten entlang von der Hecke zum Wasserturm. Als ein LKW mit Wasser kommt um die Zisterne zu fĂŒllen scheint sie das so zu erstaunen, dass sie fĂŒr eine Stunde nicht arbeiten können. Danach ist Siesta. Drei Stunden spĂ€ter sehen sie das bereits Vollbrachte und gehen zufrieden nach Hause zu ihren Familien. So geht das die ganze Woche und ein zustĂ€ndiger vom Staat meldet sich und berichtet, die Arbeiten gingen gut voran, aber die Fertigstellung dauere trotzdem lĂ€nger, jetzt bis etwa Mai statt April.

– Ohne Kommentar meinerseits –

Und immer fragen mich die Leute wie es wohl ist hier in Chile zu unterrichten, aber leider kann ich es nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht! Auch nach zwei Wochen Schule nicht. Aber Morgen geht es dann los, denn seit Freitag gibt es StundenplĂ€ne, und eine Englischlehrerin gibt es nun auch! Viel GlĂŒck kann ich ihr da nur wĂŒnschen! 😀

Puerto Saavedra

Freitag, MĂ€rz 14th, 2008

ZurĂŒck in Labranza, ging es am Samstag nach Puerto Saavedra, einem kleinen Nest an der KĂŒste, wo Julio, ein Lehrer an der Schule, Verwandschaft hat. Grund der Reise war eine Versammlung der dortigen Mapuche. Es soll Land gekauft werden von der Regierung, fĂŒr die Mapuche – das ist gut. Die Leute dort leben deutlich Ă€rmer als in Labranza, empfangen uns aber mit leckerer HĂŒhnersuppe. HĂŒhnersuppe heißt hier zurecht so, weil im Teller neben der Suppe auch ein ganzes Huhn einfach so drin liegt.

Die Versammlung verlĂ€uft nicht ganz so glatt. die Familien mĂŒssen entscheiden welches Land gekauft werden soll, gut ist keines der beiden Möglichkeiten. Auch rabiatere Methoden kommen auf. Von Weizen des Großgrundbesitzers anzĂŒnden oder nĂ€chtlich abschneiden bis BĂ€ume der Holzfirma beschĂ€digen steht auf der Palette. Eine sehr ungute Stimmung. Julio beruhigt die Versammlung, er weiß, dass es nicht gut ist gewaltsam zu reagieren. Es sagt mir nachher im Auto er war ein halbes Jahr im GefĂ€ngnis, weil er Feuer gelegt hat. Leicht schockiert entschließe ich mich mehr von seinen Geschichten zu hören. Wir gehen Abends in eine Bar, ein Bierchen trinken, wo ich viel erfahre, nicht alles schön, aber wichtig um die Mapuche zu verstehen. Ich werde es aber hier nicht schreiben, wĂ€re nicht gut.

Am Sonntag war ausschlafen angesagt, bevor es dann mit der Schule am Montag losgeht!

Tanz auf dem Vulkan

Freitag, MĂ€rz 14th, 2008

Wie in Deutschland auch gibt es in Chile ein Rauchverbot in öffentlichen GebĂ€uden. Draußen darf man rauchen, und es wird auch viel geraucht, nicht nur von Chilenen und Mapuche. Einer steht immer im Freien und raucht. Er ist groß und rund und schwarz, mit einem weißen Halsband aus Gletscher: der Vulkan Villarrica.

Nach der Vorstellung bei den Machi hatte ich frei bis Montag, dem Schulbeginn diese Woche. Ich habe mich also am Donnerstag FrĂŒh kurzentschlossen in einen Bus nach PucĂłn gesetzt, zwei Stunden sĂŒdlich im Seengebiet. Feine Sache so ein Touriort, es gibt nĂ€mlich warmes Wasser! 🙂 Also habe ich in der Jugendherberge erstmal ausgiebig geduscht, was aber umsonst war weil ich kurz darauf den letzten noch freien Platz beim Rafting in Anspruch genommen hab.

Das eigentlich geile kam aber erst am Freitag: Um 3 Uhr morgens ging es im Dunkel der Nacht mit dem Bus auf 1.400 m zur Talstation des Vulkan Villarica. Danach 5 Stunden zu Fuß noch einmal 1.400 m bergauf in den Sonnenaufgang und zum Krater! Gigantisch, die ersten Stunden in totaler Finsternis, nur sie Milchstraße ĂŒber einem in der sternklaren Nacht. Zum FrĂŒhstĂŒck dann der Sonnenaufgang ĂŒber den Anden östlich von unserer 20-Mann-Gruppe. Danach mit schwerer AusrĂŒstung ĂŒber den Gletscher, der sich um den Krater gelegt hat. Immer schwĂ€rzer wird der Schnee, immer grössere Lavabrocken liegen im Eis. Die dĂŒnne Luft macht sich langsam bemerkbar, aber langsam und zielstrebig ziehen wir weiter zu einer Lavageröllwand auf Eis. Dort geht es nur mit dem Eispickel weiter. Der gefĂ€hrlichste Teil des Aufstiegs, aber es passiert nichts, normal ist ein Absturz pro Gruppe meint der FĂŒhrer. Dann endlich: Der Kraterrand! Auf 2.800 m bleibt mir die Luft weg. Das hat nichts mit der Höhe zu tun, dicke Schwefelwolken steigen aus dem Krater auf und ziehen direkt an uns vorbei. Echt beĂ€ngstigend wenn man mal ein paar Mal die Lungen damit vollgemacht hat. Das NĂ€schen Schwefel, dass man im Chemieunterricht bekommt ist lĂ€cherlich! Das T-Shirt vor der Nase wird der Krater erkundet. Geile Aussicht auf die erstarrten LavaflĂŒĂŸe im Tal, das Vorland und die Anden. Die 45 Minuten vergehen wie im Flug. Dann geht es leider schon wieder nach unten, den Gletscher rutschen wir auf dem Hosenboden runter, danach ist es nur noch eine gemĂŒtliche Wanderung durch Lavastaub, vorbei an einer zerstörten Bergstation aus den 1970ern und erstarrter Lava. Wahnsinn die Tour!!! Völlig erschöpft fahre ich zurĂŒck nach Temuco, die zwei Stunden Im Bus schlafe ich natĂŒrlich den Schlaf der Gerechten und trĂ€ume von der kargen schwarzen Landschaft, den spĂ€rlichen Bewuchs, dem Schweiß, der mir vom RĂŒcken in rauen Mengen bis in die Schuhe lĂ€uft und dem Ausblick, … dem unglaublich schönen Ausblick in der Stille vor dem Tor zum Erdinneren …

Update: der Vulkan Llaima, der ca. 50 km neben Temuco die Sicht nach Argentinien versperrt ist vorgestern ausgebrochen! Das ist der Vulkan auf den ich vor einiger Zeit nicht durfte, wegen Ausbruchgefahr. (die Polizei sucht schon! 😀 hahaha)

Schau, schau, Schamanen!

Freitag, MĂ€rz 14th, 2008

Letzten Mittwoch war ich mit den anderen neuen Kollegen bei zwei Schamanen, oder Machi (das „ch“ immer wie „tsch“) wie man hier sagt. Das ist nötig, weil die Machi, meist Frauen aber auch MĂ€nner, die höchste Respektsperson des Stammes sind und deshalb mĂŒssen sie sich uns natĂŒrlich erst einmal anschauen bevor wir die Ehre haben Mapuchekinder unterrichten zu dĂŒrfen. Wir fahren also bis weit hinter Chol Chol um dort in der HĂŒtte/Haus der Machi (Mann und Frau, die auch zusammen wohnen, was ungewöhnlich ist) zusammen zu essen.

Um das Haus laufen Schweine, HĂŒhner, TruthĂ€hne sowie Hunde und Katzen, so riecht es dann auch. Alles hier ist sehr traditionell, besonders die TĂŒren, mit ca. 1,70 m hohem Durchgang. Im Haus ist es dunkel. Bilder von Pferden, alte schwere Holzmöbel, stammesĂŒbliche Instrumente und SchmuckstĂŒcken, die auf den ersten Blick wie TraumfĂ€nger aussehen, zieren die WĂ€nde. Die Machi steht hinter einem großen aber niedrigen gusseisernen Ofen und kocht, wĂ€hrend der Machi andĂ€chtig am Tisch sitzt und Tee trinkt als wir leise und respektvoll eintreten. Wir werden ĂŒberschwĂ€nglich begrĂŒsst mit „Mari Mari“ begrĂŒsst, dem Gruß in Mapudungun. Der Machi ist echt sehenswert: Ein kleiner runder Mann mit einem Kopf so Rund wie sein Bauch und kurzen Fingern an einer riesigen Hand. Sehr eindrucksvoll, ohne dass er etwas macht verbreitet er Respekt und Ehrfurcht wie die Luft die den Raum ausfĂŒllt. Seine Frau, die Machi, ist ebenso klein und rund wie er. Ihr Gesicht ist sehr typisch indigen: rund, mit hohen Wangenknochen und runden dicken Pausbacken, die aufgrund ihres alters nicht mehr ganz so fĂŒllig sind wie in ihrer Jugend, was ihren Gesicht mit den TrĂ€nensĂ€cken eines Horst Tappert die ZĂŒge Ă€hnlich einer Bulldogge verleit, aber freundlich. Das folgende GesprĂ€ch beim Essen geht ĂŒber die Kultur der Mapuche und Religon im Allgemeinen. Der Machi war wĂ€hrend der Diktatur glĂ€ubiger Katholik und findet auch heute noch viel Gutes am Papst, weil er bei seinem Chilebesuch gesagt hat die Mapuche sollen ruhig ihre Kultur bewahren, weil sie kostbar sei und Gott nichts gegen sie habe, er hat ja auch die Mapuche gemacht. Das verschafft Respekt. Der Papst ist in Chile eh gern gesehen, zumindest Johannes Paul II., weil er den Krieg zwischen Chile und Argentinien ĂŒber Feuerland durch Verhandlungen abgewandt hat. Daran mĂŒssen sich die Protestanten hier messen lassen und schneiden dementsprechend schlecht ab in der allgemeinen Ansicht. Auch der Machi findet harte Worte, danach höre ich nicht mehr zu, ich bin mĂŒde vom vielen Zuhören und schaue mir lieber den Machi an. Seine Finger haben sicherlich einen Durchmesser von 3 oder mehr cm. Wahnsinn auch die beiden Ringe an seinen Ringfingern: schlichtes massives Silber mit einem großen Stern in der Mitte. Auf dem Kopf bindet ein Stirnband die langen grauen Haare nach hinten. Ein pfannenkuchengroßes StĂŒck Fleisch verschwindet hinter seinen HĂ€nden, als es wieder auf dem Teller erscheint fehlt ein riesiges StĂŒck, dass er mit seinen wenigen ZĂ€hnen herausgerissen hat. Ich glaube sein Mutter nannte ihn „Stiernacken“, ich hĂ€tte es jedenfalls getan, auch wenn das kein katholischer Heiliger ist. Wenn er lacht zucke ich fast, so laut drĂŒckt er die Luft aus seinem massiven Brustkorb den kurzen wurstigen Hals heraus. Auch die Machi hat ein Kreuz bei dem ein jeder Profischwimmer erblasst, auch die mĂ€nnlichen. Und so schaue ich und mache mir Gedanken, ein Vergleich dĂŒmmer als der andere, trinke Tee und schon fahren wir auch wieder. Nachdem der Machi nichts gegen mich hat, warum auch, er hat mich nichts gefragt, weil er dachte ich spreche kein Spanisch. Auf der Heimfahrt freue ich mich, dass ich nicht der einzige bin der das Genuschel von Don Roberto nicht immer versteht.

Fotos gibt es natĂŒrlich keine, weil die Machi das strikt ablehnen! Das wird sich auch die zwei Monate nicht Ă€ndern und auch fĂŒr alle weiteren Feier etc. gelten! Schade, aber das muss man akzeptieren.

Unsere kleine Farm

Mittwoch, MĂ€rz 5th, 2008

Nach der Übergangsfamilie in der Vorstadt von Temuco ging es am Montagmorgen zur Schule ca. 15 km außerhalb Temucos nahe einem verschlafenen, relativ typisch Ă€rmlichen Nest namens Labranza. Die Schule selbst ist wirklich im Nichts. 15 Minuten Schotterstraße trennen sie von Labranza oder einer weiteren Einfahrt etwas nĂ€her bei Temuco. Ich wohne bei einer Mapuchefamilie 5 Minuten von der Schule (hier misst man alles in Zeit mit Auto oder Zeit zu Fuß, meine Angaben sind Autozeiten) ebenfalls mitten im Nichts! Aber es ist ein schönes Nichts, nicht so wie in der Unendlichen Geschichte, ganz im Gegenteil, unser Nichts ist dagegen eher reich bestĂŒckt mit einem Holzhaus, einer gefliesten Terrasse, zwei Hunden, vielen HĂŒhnern und KĂŒken, dazu einer Kuh mit Kalb und einem großen Weizenfeld vorm Haus. Sehr idyllisch und ruhig also das Ganze. Ich finde es ziemlich cool. Was ich vermisse ist ein Internetanschluss und warmes Wasser. Wir können uns aber sehr glĂŒcklich schĂ€tzen, denn wir haben Wasser, im Gegensatz zur Schule, die nur wenig weiter schon seit 1997 auf einen Anschluss wartet, aber der nette Herr vom Bildungsministerium hat uns am Montag versichert, dass wir im April sicher Wasser haben werden. Bis dahin sollen wir uns mit Regenwasser begnĂŒgen, klar kein Problem, weil es hier im Hochsommer ja so oft regnet! Dem Spaßvogel ist das sehr wohl bewusst, immerhin wohnt er auch in Temuco und hat seit November erst einmal Regen gesehen, aber die Ausrede zieht seit gut 10 Jahren warum also nicht auch dieses Jahr. Ihr merkt, hier geht es etwas anders zu als im Rest Chiles, das liegt schicht und einfach daran, dass ich jetzt da bin wo viele Mapuche (die indigene Bevölkerung) wohnen. Sie wohnen hier sehr gerne und wĂŒrden dies auch ungestört tun, wenn die chilenische Staat in den 1960er Jahren nicht den bis dato anerkannten und souverĂ€nen (!!!) Mapuchestaat annektiert hĂ€tte. Die Mapuche waren nĂ€mlich der einzige Stamm der nie besiegt wurde und einen eigenen Staat grĂŒndete als es modern war sich von seinen Kolonialherren loszusagen. Von da an wurde ihnen ihr Land Schritt fĂŒr Schritt enteignet und an deutsche Einwanderer geschenkt, die sich mit guter Infrastruktur und einer funktionierenden Feuerwehr bedankten und dies bis heute machen. Deutsche sind hier also sehr gerne gesehen wie ihr euch sicher vorstellen könnt. Aber die Mapuche sind nicht so schlicht wie manch ein Deutscher, der hier noch immer den berĂŒhmten 1.000 Jahren zwischen 1933 und 45 nachtrauert, sie haben dazugelernt. Die Mapuche wollen heute nur in Frieden leben und ihre Kultur pflegen so gut es eben noch geht, was an sich ja kein Verbrechen ist. Nur erkennt die chilenische Verfassung keine Minderheiten an, laut ihr gibt es auf Staatsgebiet nur Chilenen, was an sich zwar nicht nett, aber noch kein Verbrechen ist. Allerdings gibt es da eine unschöne Konstellation mit einem internationalen Vertrag den Chile mit anderen LĂ€ndern unter der FĂŒhrung der USA, nach dem 11.9. unterzeichnet hat, dieser macht solch anti-nationalen Bestrebungen wie die der Mapuche leider terrorverdĂ€chtig. So schafft man sich ĂŒber Nacht eine Terrorgefahr wo vorher nur armes Bauernvolk war. Und so ist es nun ein Verbrechen einfach so in Ruhe vom chilenischen Staat leben zu wollen.
Davon merkt man aber hier recht wenig. Alle sind hier bedacht ihre Kultur nicht zu verlieren und zu vergessen, das ist nichts gewaltvolles. Es tut mir echt nicht Leid falls ich euch jetzt eure Indianderklischees verderbe: Hier rennt niemand im Lendenschurz oder Federn im Haar herum (Ausnahme: Mapuchekinder, die Indianer spielen – ja Ironie, gell?). Die Menschen leben in HĂ€usern haben Fernsehen und fließend Wasser sowie Autos, Mikrowellen und Handys. Ab und zu gibt es feierliche AnlĂ€sse, dann zieht man seine Tracht aus dem hintersten Eck des Schranks hervor, fĂ€hrt oder reitet zum Veranstaltungsort und tanzt dort TĂ€nze die man nie irgendwo sonst auffĂŒhren wĂŒrde (Ausnahme: Touristen). Wen das jetzt in irgendeiner Form an das bayerische Brauchtum erinnert, so ist das durchaus gewollt! Es ist hier kaum anders!!! Hart aber wahr. Die Kinder lachen die Alten in ihren Trachten aus, können selber nur noch die Hochsprache (hier Spanisch) und scheren sich einen Dreck um althergebrachte Traditionen, da der PC oder die Playstation wesentlich interessanter ist. Da wird es doch plötzlich etwas anschaulicher, dieses ferne und fremde Chile (Bier gibt es hier ĂŒbrigens auch in Litern, nur so zur Desillusionierung!!!). Sind wir nicht alle ein bisschen Bayern/Mapuche…
Ich werde demnĂ€chst mal Bilder von unserer kleinen Farm hochladen, noch habe ich keine, weil die Mapuche es ĂŒberhaupt nicht mögen fotografiert zu werden, meine Gastfamilie ist macht da keine Ausnahme. Ich bin aber sehr zufrieden hier, auch weil ich hier meine bescheidenen Kenntnisse aus meiner Zivizeit wieder gebrauchen kann! Wer hĂ€tte das gedacht, da ist man rund 13.000km vom Kinderhaus Peißenberg (ja das gibt es noch!) entfernt und in meiner Familie haben sie ein schwerstbehindertes Kind, mit Ă€hnlichen Merkmalen wie das zu meiner Zivizeit! Da hat die Rosita noch mit einem schockierten Deutschen gerechnet, der hat sich aber nicht schocken lassen und hat gleich mal die Spastik vom Nicolas richtig erkannt und angemessen darauf reagiert. Da ist auch der schelmisch lachende Alfonso begeistert vom Winka (so nennt man Nicht-Mapuche in Mapudungun). Ich sag’s euch, es fĂŒhlt sich toll an auch mal Klischees andersherum abzubauen!!! Vielen Dank fĂŒr dieses tolle GefĂŒhl an meine ehemaligen Kolleginnen im Kinderhaus von dieser Stelle!!!