Wenn man schon da ist, dann will man auch was sehen; und drum geht man auch zu Fuss. Franz und ich haben uns dann auch gleich zwei Tage lang in Folge auf Schusters Rappen bzw. Schimmel (Franz hat weisse Schuhe!) gemacht.
Tag 1: Der Klassiker
Zum Aufwärmen (nicht dass wir das bei den milden Temperaturen nötig gehabt hätten) gings von unserem Basislager am Innenstadtrand mitten rein ins Getümmel jenseits der Avenida 9 de Julio. Dieser immerlaute Traum auf jeweils sechs Spuren ist die Definition einer Prachtstrasse. Nicht in dem Sinn, dass dort irgendjemand Gold über alle Anrainerhäuser gekotzt hätte, aber die 9 de Julio besticht durch schiere Grösse, Lautstärke und das unüberblickbare Chaos. Aus der Masse der schwarzgelben Taxis heben sich Oberklasseautos und Oldtimer Rostkübel gleichermassen heraus und schwenken, sich in ihrer Formation nie wiederholend, in eine knallbunte Blechchoreographie ein, welche durch eine auf Hupen, Quietschen und Ächzen basierenden Lärmsinphonie ergänzt wird. Und so tanzen die Argentinier in ihren Blechanzügen diesen ganz aussergewönlichen Tango um den Obelisken in der Mitte dieser überbreiten und überlangen Freilufttanzflächedie sie Avenida 9 de Julio nennen.
Hindurch die teils renovierten teils verkommenen Häuserschluchten spazieren wir zielstrebig zum Hafen. von der guten Luft, die der Stadt als Namenspatronin diente, ist weit und breit keine Spur. Vor allem nicht wenn man sich erstmal verlaufen hat und planlos irgendeiner grossen Ausfallstrasse folgt, die grob in die gewünschte Richtung zu gehen scheint. Doch wenn einen dann die grellen Farben der alten Häuser blenden ist man endlich am Ziel: La Boca. Natürlich für die Touris in Schale geworfen präsentiert sich das Zuhause der Boca Juniors [für Unwissende: so eine Fussballmannschaft aus dem Vorort La Boca, die irgendwie jeder zu kennen scheint der mal von Diego Maradonna gehört hat und den argentinischen Fussball von mehr kennt als dem Viertelfinale der WM2006. La Boca ist relativ kurz erklärt: Abzocke da wo Touris sind (ja, klar haben wir auch Fotos gemacht mit so Tangoschnitten) und erschreckende Armut abseits davon.
Das Fuballstadion war natürlich ein Highlight. Den Rest kannte ich schon aus Valpo & Co, arrgonat wie das jetzt auch klingen mag.
Der Rückweg über das Künstlerviertel San Telmo viel dann etwas artistischer aus. Statt den quietschbunten Farben finden sich jetzt filigrane Wandmalereien am laufenden Meter. Nur die staubigen Schaufensterscheiben von Antiquariaten und kleinen Cafés unterbrechen die Masse an Wuselbildern. Ich habe keine Ahnung wieviele km wir abgelaufen sind, aber das Tellergrosse Steak zum Abendessen war jedenfalls die beste Belohnung die man sich vorstellen kann und auch die perfekte überleitung zum Schlaf: einfach ein Taum!
Tag 2: Ruhe bitte!
Einen feinen Gegenpol zur Reizüberflutung vom Vortag sollte der besuch des Promifriedhofs von Buenos Aires in Recoleta sein. Tja, ruhig war es, aber weniger Reize? Fehlanzeige. Die Schönen und Reichen Argentiniens haben sich in gigantischen Mausoleen zur Ruhe gebettet und alle Welt kommt um fingerzeigend und gaffend ihre Ruhe zu stören. Ich kann gut verstehen warum. Der Friedhof spiegelt das Lebensgefühl hier gut wieder: Alles möglichst gross, eindrucksvoll aber immer irgendwie veraltert bis hin zu verfallen. Meterhohe Grufen ragen aus dem unebenen Boden und heben so den Schleier der Melancholie hoch genug, dass ein Hauch vom Glanz und der Lebensenergie der Lebenden hindurchwehen kann. Zum Einen also der perfekte Ort für eine Draculaverfilmung, andererseits steingewordene Lebensfreude (mit melancholischen Tangotouch, den bekommt man hier nicht los!). Stunden kann man hier verbringen und haben wir auch. Danach ging es noch nach Palermo, dem alten Ausgehviertel, das bei Tag nicht so recht den Charme verspühen wollt, den es zweifelsohne hat.